Ein Wirbel
Ein Wirbel. Anders lassen sich die Ereignisse der vergangenen dreißig Tage nicht beschreiben. Wir haben das zweite Quartal unseres Geschäftsjahres abgeschlossen und die Übernahme von MySQL auf die Beine gestellt Wie fing das alles an?
„Daraus wird nichts. Ich versuche das schon seit Jahren.“ Das war meine Antwort an Rich Green (EVP für Software bei Sun), als er vor sechs Monaten meinte: „Ich würde ja zu gerne MySQL erwerben. Das ist ein tolles Unternehmen.“ Und warum reagierte ich so skeptisch?
Seit fast fünf Jahren treffe ich mich regelmäßig mit Mårten Mickos, dem CEO von MySQL, zum gemeinsamen Abendessen. Wir sprechen über die Branche, die Trends und die Geschäftsmodelle. Wenn wir dann beim Nachtisch angelangt sind, sage ich jedes Mal: „Wir liegen doch voll auf einer Linie, Mårten – möchtest du nicht mit Sun gemeinsame Sache machen?“
Und Mårten dankt mir für das Kompliment, gießt ein wenig Milch in seinen Kaffee, rührt um und beginnt von Finnland zu erzählen.
„Ich finde, es ist trotzdem einen Versuch wert“, sagte Rich. Und so trafen Mårten, Rich und ich Anfang Dezember zu einem weiteren gemeinsamen Abendessen zusammen. Auch diesmal hatten wir die gewohnte angeregte Unterhaltung, tauschten Aktuelles aus Markt und Branche aus, freuten uns darüber, wie einig wir uns waren, und als es dann Zeit für den Nachtisch war, machte ich meinen üblichen Antrag. Und ...
... Lächeln, Rühren, schon sprechen wir wieder über Finnland.
Wir verlassen also das Restaurant, planen ein weiteres gemeinsames Abendessen in sechs Monaten, und ich werfe Rich meinen „Was-hab-ich-dir-gesagt?“-Blick zu.
Doch am nächsten Morgen rief Mårten an und sagte: „Wir haben hier ein bisschen nachgedacht. Seid ihr immer noch an einer Übernahme interessiert?“ Äääh – ja. Oh ja. Schon seit vier Jahren.
Und so fing es an.
Beharrlichkeit zahlt sich aus, und Rich kann sich nun zu den Leuten zählen, die mir ein „Was-hab-ich-dir-gesagt?“ mit gleicher Münze heimgezahlt haben. (Übrigens: Wenn ich mich irre, gebe ich das gerne zu – ich möchte schließlich immer noch dazulernen.)
Abgesehen von der Frage „Wie kam dieses Geschäft zustande?“ habe ich in den letzten Tagen eine ganze Menge anderer Fragen gehört, die ich an dieser Stelle beantworten möchte.
Und zwar der Reihe nach.
Eine Milliarde US-Dollar für ein Unternehmen, das seine Produkte verschenkt?
Auch Facebook ist ein kostenloses Produkt. Dort verdient man Geld mit Werbeeinnahmen. Wir verdienen unser Geld mit Service, Support und Infrastruktur. MySQL ist ein großes und schnell wachsendes Unternehmen. Investitionen in die Zukunft sind mehr wert als der Preis der Vergangenheit (darum ist letzterer oft so gering).
Was wird aus dem Engagement für PostgreSQL?
Das wächst. Am Tag vor der Bekanntgabe der Akquisition und weniger als eine Stunde nach der Unterzeichnung der Dokumente habe ich Josh Berkus, Leiter der Arbeit an Postgres bei Sun, angerufen. Ich wollte es ganz klar machen: Diese Transaktion erhöht unsere Investition in Open Source und in Open Source-Datenbanken. Sie erhöht somit auch unser Engagement für Postgres und für die gesamte Datenbanksparte. Das gilt ebenso für unsere Arbeit an Apache Derby und an JavaDB.
Wie Josh in seinem Blog so treffend schreibt: Sun will der führende Anbieter von Rechenzentren sein. Nicht nur von MySQL-Rechenzentren. Eben.
Welches Unternehmen kauft Sun als Nächstes?
Gute Frage. Die Antwort folgt, wenn das Geschäft steht. :)
Im Ernst: Ich kann den Leuten nur zustimmen, die die Übernahme von MySQL durch Sun als Beweis für den Wert von Open Source-Geschäftsmodellen verstehen – und ich hoffe, dass die Risikokapitalgeber nun verstärkt in echte Open Source-Innovation investieren. Es gibt hier echten Wert zu holen. Fragen Sie nur einmal die Investoren bei MySQL.
Was wird aus der Beziehung zu Oracle?
Oracle ist ein bedeutender Solaris ISV und wir haben gemeinsame Kunden in aller Welt, die sich auf den Service und Support verlassen, den Sun and Oracle in den missionskritischen Umgebungen internationaler Banken, Einzelhändler, Telekommunikationsunternehmen, Behörden usw. leisten. An diesem Engagement ändert dieses Geschäft nicht das Geringste – und das gilt ebenso für unsere Bereitschaft und Fähigkeit zur Unterstützung von DB2 oder dem SQL Server von Microsoft (der auf unseren Systemen übrigens ganz hervorragend läuft). Kunden wünschen Wahlfreiheit, und die wollen wir auch weiterhin bieten.
Vergessen wir nicht: Im Mittelpunkt unserer Serviceorganisation stehen unsere Kunden und nicht unsere Produkte.
Wird die Integration so komplex wie bei StorageTek?
StorageTek hatte 7.000 Mitarbeiter, komplizierte Lieferketten und Logistikabläufe, Immobilien, Werke, redundante Systeme (die gibt es bei jedem größeren Unternehmen) sowie eine Vielzahl von technischen Modellen und Verfahren ein, die im Lauf der 35 Jahre Unternehmensgeschichte entstanden waren. Entsprechend kompliziert gestaltete sich die Integration.
MySQL hat 400 Mitarbeiter, keine Bürogebäude (die Mitarbeiter haben Heimbüros), keine Lieferkette, keine Werke oder Immobilien, dafür aber fast genau dieselben technischen Modelle und Verfahren wie wir.
Entsprechend einfach wird sich die Integration gestalten.
Nach Abschluss der Transaktion wird Mårten Mickos weiterhin MySQL leiten, in unsere Software-Organisation eingegliedert werden und der Executive Management Group (das ist die Geschäftsleitung bei Sun) angehören.
Aus strategischer Sicht bietet sich eine Vielzahl technischer Synergien, von MySQL auf ZFS und Lustre zur besseren Integration mit Glassfish, OpenSolaris, NetBeans und unserer Grid Engine.
Wird Sun die Plattform-Prioritäten von MySQL ändern?
Ganz bestimmt nicht.
Warum nicht?
Weil das L bei LAMP für Linux steht und nicht für „lächerlich“. Die Prioritäten für das Plattformangebot bei MySQL werden nicht durch Sun gesetzt, sondern durch die Kunden. Wie bei Glassfish ist die führende Download-Plattform noch immer Windows – und auch diese Entwickler haben unsere volle Unterstützung.
Ändern Sie die Lizenzauswahl von MySQL (die GPL)?
Nein. Wie bei Java und Glassfish (und NetBeans und OpenOffice) zu sehen ist, sind wir Befürworter der GPL.
Bringt das Geschäft Kosteneinsparungen mit sich?
Nein.
Bringt das Geschäft Synergieeffekte bei den Einnahmen mit sich?
Jede Menge.
Und worin bestehen diese Synergieeffekte?
Schwieriger wäre die Frage „Wo gibt es keine Synergieeffekte?“ Überall, wo MySQL eingesetzt wird, ob der Benutzer nun für Software-Support zahlt oder nicht, wird ein Server erworben, ein Speichergerät, Netzwerkinfrastruktur und schließlich auch Support-Services für wertvolle offene Plattformen. Und soweit ich weiß, bieten wir in so ziemlich allen diesen Kategorien Produkte an.
Die größte Hemmschwelle für das Wachstum von MySQL bestand nicht im Funktionsumfang der Technologie, die perfekt auf die besonderen Anforderungen der Online- und Web-Welt abgestimmt ist. Vielmehr bestand sie in dem Wunsch traditioneller Unternehmen nach einem Enterprise Support-Anbieter, der in der Liste der Fortune 500-Unternehmen geführt wird („Jemand aus dem Magic-Quadrant-Report von Gartner"). Gut also, dass wir das hervorragende Serviceteam bei MySQL nun um ein ausgezeichnetes, weltweites Netzwerk an Service-Profis ergänzen und somit missionskritischen globalen Support für die größten Unternehmen der Welt bereitstellen können.
Was haben Sie mit MySQL vor?
Das ist eine Frage für MySQL, sowohl im Vorfeld der Akquisition (schließlich sind wir derzeit noch zwei separate Unternehmen) als auch danach. Wir machen MySQL keine Vorschriften, sondern wir möchten zuhören – den Führungskräften, der Community und den Kunden.
In den persönlichen Gesprächen, die ich in den letzten Tagen mit etwa 10 Kunden geführt habe, fiel immer wieder ein Kommentar: „Herzlichen Glückwunsch! Das ist eine rundum positive Entwicklung für alle Beteiligten!“
So sehe ich das auch.
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Hier finden Sie ein kurzes Interview mit Rich, Mårten, Greg und mir am Sonntag vor der Unterzeichnung (gefilmt vom namhaften Regisseur Anil Gadre)... achten Sie mal auf die Glücksbringer, die nach etwa 3 1/2 Minuten auftauchen ...