Das Ende des altmodischen Rechenzentrums
Kürzlich erzählte mir ein leitender Mitarbeiter eines Handy-Herstellers, dass Kunden in Indien, dem Absatzmarkt mit dem schnellsten Wachstum, als Handy-Extra am häufigsten eine LED-Taschenlampe wünschen. Keine Kamera, sondern eine Taschenlampe. Wer hätte das erwartet? Selbst Edison hätte nicht vorhersehen können, dass Elektrizität eines Tages in Flugzeugen, auf Mondfähren oder in Tiefsee-U-Booten zum Einsatz kommen würde.
Wir hätten uns ja auch nicht träumen lassen, dass Netzwerkkonnektivität und Computerisierung auf Bohrköpfen Verwendung finden oder auf Supertankern. Aber genau darüber sprach ich letzte Woche mit dem CTO eines internationalen Energieunternehmens. Sensoren an den sich drehenden Bohrköpfen erfassen seismische Daten, anhand derer dann das weitere Vordringen des Bohrkopfes gesteuert wird (ich wusste nicht mal, dass man Bohrköpfe überhaupt richtig steuern kann!). All das geschieht auf Bohrinseln im Meer. Beim Verladen von Rohöl auf Supertanker messen am Rumpf verteilte Sensoren die Vibration, die Flüssigkeitsdynamik und die Zentrifugalkraft, damit das Schiff mitsamt der kostbaren Ladung auf dem richtigen Kurs bleibt.
Ebenfalls verblüffend war es, die Ansichten einer internationalen Hilfsorganisation über die IT-Anforderungen bei der Katastrophenhilfe zu hören, angefangen mit der Bereitstellung von Computerkapazität in abgelegenen Katastrophengebieten ohne Strom und ohne Desktop-Systemadministratoren.
Oder nehmen wir das Beispiel Disney: In den Vergnügungsparks werden den Kindern Stoffpuppen mit Chip in die Hand gedrückt, damit Eltern die Kleinen leicht wiederfinden können. Gleichzeitig messen Parkmitarbeiter am Bildschirm die Anzahl der Puppen vor Ort und können so exakte Wartezeiten angeben und die Eisverkäufer ausschicken (direkt zur Warteschlange). Immer mehr DVD-Player und andere Unterhaltungsmedien sind inzwischen netzwerktauglich. Sehen Sie sich nur einmal das Logo ganz rechts am neuen DVD-Player von Panasonic an ...
All das sind Beispiele für den Einsatz von Computern da wo sie gebraucht werden, und wo wiederum nahezu in Echtzeit auf Änderungen reagiert werden kann. Vor 50 Jahren wären diese Einsatzmöglichkeiten noch undenkbar gewesen.
Wie wird das alles weitergehen?
Wie üblich stellt Greg interessante Überlegungen zu wichtigen Themen an. Eine der interessantesten Entwicklungen der Computertechnik betrifft allerdings den Nutzen des Orts, von dem sie eigentlich nicht wegzudenken ist: das Rechenzentrum.
Klar, die IT-Infrastruktur muss natürlich untergebracht werden. Das Konzept des Rechenzentrums ist jedoch inzwischen nicht mehr zeitgemäß. Wir belegen jedenfalls keine teuren Büroquadratmeter in bester Lage mit Notstromaggregaten und stellen unsere Computer auch nicht auf makellose angehobene Fußböden in Umgebungen mit optimaler Temperatur- und Luftfeuchtigkeitsregelung, unter Glas und dramatischer Beleuchtung, um Kunden auf Rundgängen zu beeindrucken. (Aber nun wissen Sie, warum wir ein so großes Logo an den Geräteseiten anbringen.)
Wo bringen wir die Notstromaggregate unter? Im Maschinenraum. Im Keller. Oder auf dem Dach. Und wir veranstalten keine Rundgänge (zumindest nicht in Industrienationen).
Der Zweck des Rechenzentrums bestand nicht darin, die Computer unterzubringen, sondern die Leute, die sie betreuten. Dieses Personal wechselte schwere Bänder aus, fegte Papierfitzel auf und führte Lochkarten ein. Es griff ein, wenn ein Problem auftrat, tauschte defekte Platinen oder Laufwerke aus oder startete das System neu.
Dabei tut sich ein Dilemma auf: Unsere internen Analysen ergeben, dass sich die Verfügbarkeit der IT-Infrastruktur invers proportional zur Zahl der Zugangsberechtigten verhält. Je größer die Anzahl der Menschen im Rechenzentrum, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass Kabel aus der Wand gezogen werden, Reparaturen zu Totalausfällen oder Verbesserungsversuche zu Schäden führen.
Die besten Systemadministratoren wissen, dass die zuverlässigsten Dienste auf einer Infrastruktur beruhen, bei der Ausfälle vor Ort durch Redundanz umgangen werden. Eine robuste Systemarchitektur ersetzt dabei die Horden übereifriger Rechenzentrums-Mitarbeiter. Statt der Papierschnipsel werden nun gelegentlich die ausgefallenen Komponenten entsorgt oder man belässt sie einfach an Ort und Stelle, bis die nächste Anlage an Netz geht (das ist dann ein komplettes Rechenzentrum-Failover).
Mit wenigen Arbeitskräften werden enorm hohe Servicelevels erreicht. (Das ist wichtig. Inzwischen verdienen mehr als 1.000.000 Menschen ihren Lebensunterhalt auf eBay, da sind Ausfallzeiten mehr als einfach nur ein Ärgernis.)
Die Frage lautet also: Wo liegt die Zukunft des Rechenzentrums? Die oben beschriebenen Szenarien geben die Antwort: in der ungeschönten Realität.
Aber vielleicht sollten wir uns eine interessantere Frage stellen: Brauchen wir überhaupt noch Rechenzentren? Vielleicht sollten wir das mal ganz neu überdenken ...
Posted on 02:40PM Okt 17, 2006 |


















