Dienstag Nov 21, 2006

Die Flut hebt alle Boote

Die Flut hebt alle Boote. Gäbe es je eine Philosophie, die unsere Entscheidungsprozesse bei Sun leitet, dann diese - die Überzeugung, dass ein durch frei verfügbare Standards vernetztes Internet sowohl für Sun als auch für unsere Kunden nützlicher ist, als wäre es mit Hilfe von proprietären Technologien definiert worden. Auch wenn diese Metapher sich nicht besonders gur übersetzen lässt (ich weiß, ich habe Übersetzer in der ganzen Welt genervt), ist das Konzept doch fast jedem bekannt, egal aus welcher Branche oder welchem Erdteil er kommt.

Die Geschichte ist gespickt mit Beispielen von erfolglosen Versuchen, gegen die Standardisierung anzugehen. Mein persönlicher Favorit sind die Bemühungen Thomas Edisons, die Glühlampe patentieren zu lassen, um jeden, der „illegale“ (also Nicht-Edison-) Clients Glühlampen an seine Server Generatoren anschließt, vor Gericht zerren zu können. Und es gibt mindestens ebensoviele Erfolgsgeschichten von im großen Stile akzeptierten Standards, von Containern über Hochspannungsnetze und die Flugsicherung bis hin zur Java-Plattform selbst.

Die wenigsten Leute (zumindest außerhalb von Sun) verstehen, welch durchschlagenden Erfolg die Java-Plattform und die Java-Community im letzten Jahrzehnt verbuchen konnten. Dabei kann Java auf mehr Geräten ausgeführt werden als Microsoft Windows, Linux, Solaris, Symbian und dem Mac zusammen: derzeit fast vier Milliarden Geräte, von Smartcards bis zu verschiedensten Endgeräten, von DVD-Playern bis zu Set-Top-Boxen, von medizinischen Geräten bis hin zu den meisten Transaktionssystemen und 80 % aller verkauften Handys. Die Java-Plattform ist also bereits heute ein globaler Standard.

Der Quellcode ist seit Jahren verfügbar. Und wir verfügen über eine robuste, heterogene Community, die den Standard definiert. Über 1.000 Unternehmen sind beteiligt, von Google bis Oracle, von Motorola bis Nokia, von Apple bis Apache, Red Hat, Samsung, Sony, SouJava – wer in Sachen Internet eine Rolle spielt, gehört zur Java Community (mit einer Ausnahme – trotz diverser Einladungen unsererseits). Millionen von Entwicklern und Kunden profitieren Tag für Tag von den Vorteilen.

Doch in den vergangenen Jahren wirkte unser Erfolg zunehmend unvollständig.

Es bestand eine offensichtliche Spaltung zwischen den Leuten, die an freie Software glaubten (die Open-Source-Community), und denen, die an offene Standards glaubten. Und es schien, als ob wir von Sun zwischen allen Stühlen säßen. Solaris ist, gemeinsam mit Glassfish (unserem Open-Source-Java-EE-Anwendungsserver), NetBeans (unserer Entwicklungsumgebung) und einem meiner absoluten Lieblinge: Project Looking Glass (eine Inspiration für viele) eins der beliebtesten Projekte in der Open-Source-Community geworden. Aber die Java-Plattform selbst erschien nie in dieser Liste, da ihre Lizenz etwas restriktiver war; schließlich sollte durch sie die Kompatibilität garantiert werden, nicht die individuelle Freiheit. (Unsere Motive waren lauter, aber wir sind da ein bisschen gebranntes Kind.)

Doch die Flut hebt alle Boote. Mittlerweile ist Java etabliert, und es ist Zeit für den nächsten Schritt: Entwicklern in der ganzen Welt alle Möglichkeiten zu geben, das nächste genialen Gerät oder den nächsten großartigen Internet-Service zu bauen; sei es nun in den Vereinigten Staaten, Brasilien, Polen, China, Tibet, Taiwan, Europa oder Mexiko – soweit das Internet reicht (derzeit weiter als die Stromversorgung!).

Und wie Sie inzwischen gemerkt haben, haben wir genau das getan. Wir haben unser Versprechen gehalten, auf die Entwickler und Anwender freier Software zuzugehen, und haben die „General Public License“ (GPL) der Free Software Foundation der Weiterentwicklung der Java-Plattform zugrunde gelegt. (Für diejenigen, die jetzt, wie angekündigt, einen Besen fressen möchten, stelle ich gerne Salz und Pfeffer bereit :-)

Bei der GPL handelt es sich um dieselbe Lizenz, die für die Entwicklung von GNU/Linux zum Einsatz kam bzw. kommt. Durch die Verwendung der GPL haben wir die Möglichkeit eröffnet, die Communitys - und auch den Code – zu mischen. (Ja, wir haben GPL Version 2 genommen, denn Version 3 gibt es noch nicht, aber uns gefällt der Weg, den die FSF eingeschlagen hat.)

Die Wahl einer Lizenz war eine ziemlich komplexe Aufgabe, denn wir mussten viele Aspekte berücksichtigen: vom Schutz unserer Kunden und Lizenznehmer bis zur Pflege einer außerordentlich erfolgreichen Entwickler-Community. Wir mussten uns über Hersteller, Medienstandards und die Systeme von Großunternehmen, Regierungen und Militäreinrichtungen Gedanken machen (Sie dürfen nicht vergessen, dass Java in mehr Unternehmen und Geräten eingesetzt wird als jede andere Plattform). Und das war wahrhaftig nicht einfach.

Daher möchte ich der Rechtsabteilung bei Sun und unseren Freunden von der FSF meinen herzlichen Dank aussprechen. Ohne euch hätten wir das nie geschafft. Hätte Shakespeare etwas von Recht am geistigen Eigentum verstanden, hätte er wahrscheinlich nicht so gemeine Sachen geschrieben.

Zum Schluss möchte ich nur noch eins loswerden.

Ich möchte nämlich gestehen, dass einer der Hauptgründe für die Verwendung der GPL die letzte Woche erfolgte Ankündigung von Novell und Microsoft war, die suggerierte, dass freie Open-Source-Software nur sicher sei, wenn Lizenzgebühren bezahlt werden. Wie ein Vorstandsmitglied eines der beiden Unternehmen sagte: „Freiheit hat ihren Preis.“

Das ist Unsinn.

Freie Software braucht keine Lizenzgebühren und kann ungehindert weltweit eingesetzt und weiterentwickelt werden. Das haben wir mit Solaris gemacht und jetzt auch mit Java. Entwickler können einfach den Code nehmen und ihn weiterentwickeln – ganz ohne Lizenzgebühren und Verpflichtungen.

Wer behauptet, dass Open-Source-Software für deren Anwender nicht sicher sei oder dass aus kommerzieller abgesicherter Software keine Communitys erwachsen können, der verfolgt lediglich seine eigenen Ziele. Die Behauptung entbehrt jeglicher Grundlage.

Sie kämpfen einen verlorenen Kampf gegen die unvermeidliche Flut.

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