Mittwoch Nov 12, 2008

Insiderbericht (Java, Microsoft und MySQL)

Weltweit wird bei Kunden der Gürtel enger geschnallt, und eine ganze Reihe von Händlern, die beim Vertrieb noch nicht auf das Internet setzen, bekommt dies empfindlich zu spüren. Der Kundenverkehr gerät zusehends ins Stocken. Zudem wird es immer schwieriger, die Hypothek auf den Laden und ständig wechselnde Kundentrends unter einen Hut zu bringen.

Für Hersteller von Konsumgütern ist der Einzelhandelsvertrieb jedoch unerlässlich, schließlich muss man ja die Kunden irgendwie erreichen. Das ist der Grund dafür, dass sich bedeutende PC-Hersteller weltweit mächtig ins Zeug legen, um gute Deals mit großen Einzelhändlern auszuhandeln (oder einfach ihre eigenen Geschäfte einrichten).

Doch der Computermarkt ist hart umkämpft. Die meisten PC-Hersteller vermarkten Betriebssysteme oder Mikroprozessoren anderer Hersteller. Das ist kein Geschäft für Leute mit schwachen Nerven (oder schwachen Bilanzen). Wir bei Sun machen uns keine Gedanken um die Vermarktung von Hardware für Endverbraucher (wir stellen keine PCs her), sondern bei uns geht es um die Endnutzersoftware, deren weite Verbreitung unsere Marktchance darstellt. Mit anderen Worten: Wenn Sie Java oder eine andere Open Source-Plattform verwenden, kann Sun verschiedene Rechenzentren in den Clouds hinter diesen Geräten bauen. Wenn nicht, gestaltet sich dies wesentlich schwieriger – nicht unmöglich, aber wesentlich schwieriger.

Endnutzersoftware wird von einer gewissen Eigendynamik angetrieben. Entwickler konzentrieren sich auf beliebte Software wie Firefox, Flash oder Java und entwickeln dafür Anwendungen und Inhalte. Was Konsumenten nutzen, nutzen Sie in der Regel in großen Mengen (das Internet ist schließlich nicht gerade klein). Entwickler erkennen diesen Bedarf und zielen auf Plattformen ab, die die meisten Kunden erreichen. Und das schließlich definiert die Absatzchancen für Sun. (Sie erinnern sich sicherlich lebhaft an eine Szene, in der ein ziemlich cleverer Mensch vor einem Publikum die magischen Worte „Developers! Developers! Developers!“ schrie. Amen.)

Die Java-Laufzeitumgebung ist nach wie vor eine der weltweit beliebtesten Entwicklungsplattformen, und Java-Anwendungen zählen zu den weltweit beliebtesten Softwareprodukten für Endnutzer. Zynikern, die mich an dieser Stelle gerne mit dem Einwand „Aber ich verwende kein Java“ unterbrechen möchten, sei gesagt: Mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit tun Sie es doch! Java ist zu einem unsichtbaren, aber unverzichtbaren Teil zahlloser Endnutzer- und Geschäftsservices geworden, die sich vom Hochladen von Videos in sozialen Netzwerken bis hin zu Analysetools für Aktienmärkte erstrecken. In dem Maße, in dem diese Inhalte immer beliebter werden, erfreut sich auch die Java-Plattform steigender Popularität und erweitert somit die Absatzchancen von Sun auf die entsprechenden Rechenzentren. Aus diesem Grund sprechen wir von einer positiven Eigendynamik.

Dieser Eigendynamik verdanken wir auch ausgezeichnete Absatzzahlen: Erst letzten Monat haben wir weltweit über 60.000.000 Java-Laufzeitumgebungen vertrieben. Und die Tendenz ist steigend, da immer mehr Inhalte für Java 6 und das in Kürze erscheinende JavaFX geschrieben werden, da es immer mehr PCs im Internet gibt und die Zahl an Berufstätigen mit einem Computer (d. h. einem Laptop mit Java) zunimmt. Ich wette, dass momentan weltweit circa 1.000.000.000 (eine Milliarde) Java-Laufzeitumgebungen auf PCs installiert sind. Jeden Tag gesellen sich neue hinzu und sorgen dafür, dass der Rubel bei uns rollt.

Wir stellen unsere Softwareprodukte natürlich nicht ohne weitere Absichten zur Verfügung. Was für Google gilt, gilt auch für Sun: Unsere Produkte sollen sowohl Kunden anziehen als auch Gewinn einbringen. Kostenlos zur Verfügung gestellte Software stellt eine Verbindung zum Endnutzer her, so wie auch eine kostenlos zur Verfügung gestellte Internetsuche, Nachrichten und Shoppingmöglichkeiten. Vor circa zwei Jahren trafen wir mit Google eine Vereinbarung, in deren Rahmen der Wert unserer Beziehungen zu Java-Nutzern anerkannt wurde. So wie PC-Hersteller auf den Einzelhandel setzen, suchte Google nach einer Möglichkeit der Verbreitung seiner Suchtechnologien – und zwar über unseren Java-Update-Mechanismus. Wenn wir unseren Benutzern ein Update anbieten, sollten wir dies in Verbindung mit einer anderen gesponserten Software tun, z. B. der Google Toolbar.

Nach eingehender Verhandlung stimmten wir zu und entwickelten eine sehr gute Partnerschaft, von der unsere Kunden, Google und Sun gleichermaßen profitieren. Letztes Jahr erneuerten wir diese Vereinbarung auf eine Weise, die allen Beteiligten noch mehr Vorteile beschert. In diesem Jahr entschieden wir uns, eine offene Auktion durchzuführen, an der sich eine ganze Reihe von Firmen beteiligte. Es war keine einfache Angelegenheit, aber angesichts des wachsenden Umfangs und der steigenden Bedeutung von Java wurde deutlich, dass wir über das meistverbreitete Transportvehikel des Internets verfügen. Und Microsoft hat sich mächtig ins Zeug gelebt, um das attraktivste Gesamtangebot zu unterbreiten.

Grund für diese Entscheidung war der Gesamtwert des Pakets sowie die Zusicherung Microsofts, MySQL zu unterstützen und dessen Verbreitung zu fördern. In Kürze erfahren Sie mehr darüber, was wir gemeinsam auf die Beine stellen wollen.

Und was verdient Sun an diesem Geschäft? Dieser Deal ist einer der hochkarätigsten seiner Art in der Branche und macht Microsoft mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem der größten Kunden von Sun. Er bereitet zudem den Weg für eine noch interessantere Auktion im nächsten Jahr, da immer mehr Geschäftsleute den Wert einer derartigen Verbreitung ihrer Produkte erkennen. Bisher erstreckt sich unsere Vereinbarung mit Microsoft lediglich auf die USA. In neuen Auktionen geht es jedoch um internationale Rechte (nebst anderer Produkte außer der Toolbar für die USA, vielleicht ein neuer Browser …)

Und wie sieht es mit den anderen hochklassigen Verbreitungsmedien bei Sun aus? Ich habe erst kürzlich einen Analystenbericht gelesen, in dem die Frage aufgeworfen wurde, ob es tatsächlich Menschen gibt, die OpenOffice benutzen. Nun, wir bei Sun Microsystems schmeißen zufällig unseren ganzen Betrieb mit OpenOffice. Viel wichtiger jedoch ist: OpenOffice wird auf der ganzen Welt verwendet, und wir lizenzieren es mittlerweile kommerziell an große Namen, die viel Geld bei Office-Anwendungen sparen wollen.

Um diese Beliebtheit einmal in Zahlen auszudrücken: Letzte Woche haben wir über 3.000.000 Kopien von OpenOffice 3 unters Volk gebracht. Und die Downloadzahlen steigen und steigen. Wir schätzen, dass wir zwischen 150.000.000 und 200.000.000 Benutzer erreichen – und eine weltweite Rezession wird die Verbreitung von OpenOffice noch verstärken. Und ein Laden, in den Hunderte Millionen potenzieller Kunden kommen, kann sich nicht gerade über mangelnden Kundenverkehr beklagen. Eine Auktion wird in Bälde stattfinden, und dann wird sich zeigen, wer sich mit uns zusammentut, um sein Geschäft und seine Marke in die digitale Verbreitung unserer Produkte zu integrieren. Es stehen dabei endlose Möglichkeiten zur Verfügung: Schließlich werden Dokumente nicht gerade selten ausgedruckt, gefaxt, kopiert oder an die Wand geworfen. (Und, ja, ich weiß, dies ärgert meine Freunde aus der Free Software-Community, aber eine Kommerzialisierung erlaubt es uns, mehr Geld in die Community und Funktionen von OpenOffice zu investieren, wovon letzten Endes jeder profitiert.)

Verizon führt eine ähnliche Auktion durch, bei der Anbieter von Suchtools Gebote für eine Integrierung in die Drahtlosgeräte des Unternehmens abgeben können. Verizon (und der Rest der Branche weltweit) haben erkannt, welche Möglichkeiten sich ihnen damit auftun. Nur weil ein paar Einzelhändler Probleme haben, muss das nicht zwangsläufig bedeuten, dass es nichts mehr wert ist, seine Kunden zu erreichen. Kundenverkehr ist nach wie vor wichtig, aber heutzutage ist es wesentlich einfacher, Software zu verteilen und damit Geld zu verdienen, als ein Ladengeschäft am Laufen zu halten.

Wer würde schließlich nicht gerne ein paar hundert Millionen neuer Kunden haben?

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Übrigens: Was ich schon weiter oben hätte erwähnen sollen: Benutzer, die keine Toolbar installieren möchten, können das Angebot ganz einfach während des Installationsvorgangs ablehnen und ohne gesponserte Software ein Java-Update ausführen.

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