Wachstum in den P7-Ländern (nicht nur in der G7)
Die einzigen Standards, auf die es ankommt, sind De-facto-Standards.
Dies ist zugegebenermaßen eine Binsenweisheit in der Welt der Technologie. Ganz gleich, wie viel Mühe sich Standardisierungsorganisationen und Justizbehörden geben,
letztendlich zählt nur, ob ein Standard oder eine Norm vom Markt angenommen wird. Standards lassen sich nicht von oben verordnen, sondern ergeben sich aus der Marktdurchdringung.
Vor kurzem diskutierte ich in einem Expertengremium darüber, wie der Einzug moderner Technik die Entwicklung der Wachstumsmärkte beeinflusst (insbesondere Brasilien, Russland, Indien, China und Afrika, oft unter dem Kürzel BRICA zusammengefasst).
Einer der Teilnehmer verwies auf eine interessante Neuausrichtung traditioneller Medienunternehmen, die sich zunehmend in aufstrebenden Ländern engagieren. Attraktiv ist dabei nicht das Wachstum des Bruttosozialprodukts, sondern die Bevölkerungsstruktur dieser Länder. Keine andere Altersgruppe gibt so viel Geld für Medien (Musik, Kinofilme und sonstige Unterhaltung) aus wie Teenager und junge Erwachsene zwischen 20 und 30. Und es sind genau die BRICA-Länder, in denen die meisten Angehörigen dieser Zielgruppe leben nicht etwa die USA, Großbritannien oder Deutschland. Wo lebt fast die Hälfte der Weltbevölkerung? Die Studie, die das Marktforschungsinstitut Ovum für die New York Times durchführte (siehe rechts), gibt hier wichtige Aufschlüsse. Die Zahlen lassen ein enormes Wachstumspotenzial für Medien aller Art erahnen. Zudem lassen sich weltweit mehr Nutzer das Internet auf dem Handydisplay anzeigen als auf dem PC-Monitor.
Die neuen Kaufkraftverhältnisse gelten nicht nur für die klassischen Medien. Auch die Softwarebranche ist eine Medienbranche: Im Grunde genommen sind die beiden bereits verschmolzen. (Eine digitale Datei ist eine digitale Datei, ganz gleich, ob von einer Programmierplattform wie OpenSolaris oder MySQL die Rede ist, von einem neuen Video des chinesischen Musikers Jay Chou oder den Highlights eines Sportereignisses). Die Infrastruktur zur Verbreitung und Bearbeitung dieser Inhalte (Server, Software für Netzwerke, Speicher usw.) orientiert sich verstärkt an den Bedürfnissen der Verbraucher. Kein Wunder, denn der Business-to-Consumer-Bereich (B2C) wächst weitaus stärker als der Business-to-Business-Bereich (B2B).
Die Frage ist nun, wo sich das größte Marktpotenzial für Network Computing auftut. Naturgemäß in Nähe der großen Marktzentren, also in der Nähe der Verbraucher (von denen mehr als die Hälfte in städtischen Gebieten mit guter Netzabdeckung leben). Im Rahmen der B2B-Idee konzentrierte sich die IT-Branche noch auf die großen Wirtschaftszentren (die G7-Staaten). Jetzt vollzieht sich eine grundlegende Trendwende, und das B2C-Konzept lockt Unternehmen direkt zu den Kunden und in die Bevölkerungszentren. Angelehnt an den englischen Begriff population (Bevölkerung) könnte man also von den P7 sprechen.
Vor diesem Hintergrund habe ich einige Änderungen an der Positionierung von Sun vorgenommen. Unsere Führungskraft und unsere Ressourcen konzentrieren sich nun auf zwei neue Bereiche.
Wie die meisten bei Sun wissen, habe ich Lin Lee in mein Team aufgenommen. Er ist in Zukunft verantwortlich für die Beziehungen zu Regierungen und NGOs. Von Shanghai aus wird er unsere Vision nachhaltiger Netzwerkinfrastrukturen propagieren eine Vision mit Open-Source-Lösungen und Dokumentformaten für effiziente Rechenzentren, die in den aufstrebenden Märkten bereits großes Interesse weckt. In diesem Zusammenhang wird es Lins Hauptaufgabe sein, Studenten, Universitäten und Regierungsbehörden die Entwicklung eigener Lösungen zu erleichtern.
Für Global Sales and Services ist in Zukunft Peter Ryan verantwortlich. In seinen Zuständigkeitsbereich fällt die neue Vertriebsregion Emerging Markets mit Denis Heraud an der Spitze. Die Emerging-Markets-Region mit ihren schnell wachsenden Ländern (darunter auch BRICA) erhält den gleichen Stellenwert wie Nordamerika, Europa und Asien. Allein im letzten Quartal sind unsere Umsätze in den BRICA-Ländern zweistellig gewachsen. Wir möchten auf diesen Trend aufbauen, und deshalb haben wir das Unternehmen neu ausgerichtet, Ressourcen umgeschichtet und Führungspositionen neu besetzt.
Peter Ryan (der mir letztes Wochenende erzählte, dass er am Anfang seiner Laufbahn mit Mainframe-Systemen gearbeitet hat!) übernimmt für Don Grantham. (Don wechselt zu HP, weil die Kollegen sich noch ein paar Solaris-Lizenzen sichern möchten, bevor der EDS-Deal über die Bühne geht ...)
Die aufstrebenden Märkte wissen inzwischen um ihr Marktgewicht. Wer sich mit etablierten IT-Standards beschäftigt, kann das bestätigen, denn in diesen Ländern ist die Aufgeschlossenheit gegenüber Free- und Open-Source-Software und die Bereitstellungsquote mit am höchsten. Dass in diesen Ländern das Interesse an nachhaltiger Technologie besonders groß ist, überrascht nicht: 100 Millionen neue PC-Anwender, von denen jeder 200 Watt Leistung benötigt, bringen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt Fortschritt, der allerdings mit ca. 20 Gigawatt aus Kohlekraftwerken befeuert werden muss. Vor diesem Hintergrund wird klar, warum unsere SunRay Desktop-Rechner mit einem Verbrauch von gerade einmal 4 Watt in den Entwicklungsländern (und der entwickelten Welt) so gefragt sind.
Wir machen keinen Hehl daraus: Wir konzentrieren uns verstärkt auf aufstrebende Wirtschaftsräume, weil dort freie Software und unsere Umsätze am stärksten wachsen. Wo werden die meisten OpenOffice-Pakete installiert? Dort, wo sich ein Preisunterschied von 300 Dollar pro PC über Kauf oder Nichtkauf entscheidet.
Kein Wunder, dass sich diese Länder so vehement für offene Standards einsetzen. Allein schon wegen der Bevölkerungszahlen haben ihre Entscheidungen enorme Tragweite.
Posted on 12:00PM Jun 02, 2008 |


















